VERANSTALTUNGEN
16. NovUrbarial Deutschkreutz - Durchforstung, Treffpunkt: 8 Uhr, Jagdhütte
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Urbarial Girm - Durchforstung, Treffpunkt: 07:30 Ecke Girmerstraße/Waldgasse
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Hauskirtag im Haus Lisa, ab 14 Uhr
17. NovUrbarial Deutschkreutz - Durchforstung, Treffpunkt: 8 Uhr, Jagdhütte
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Urbarial Girm - Durchforstung, Treffpunkt: 07:30 Ecke Girmerstraße/Waldgasse
23. NovUrbarial Deutschkreutz - Durchforstung, Treffpunkt: 8 Uhr, Jagdhütte

Video-Berichterstattungen

Video I
Video II
Video III

Informationen

QUELLE: Spitzer, Shlomo: Die jüdische Gemeinde von Deutschkreutz; Wien-Köln-Weimar 1995. Deutschkreutz (Chronik), Herausgeber: Franz Schneller, 1995. Putz, Adalbert: Zelem - Zentrum jüdischer Kultur. In: Deutschkreutz, 1995. Chronik der Pfarre Deutschkreutz (1940 - 1970), Verfasser: Dr. Paul Petschowitsch (Handschrift). Festschrift der Gem. Deutschkreutz, hg. anlässlich der Eröffnung des Zentralamtsgebäudes, Mattersburg 1975. Gemeinderatsprotokolle der Jahre 1938 - 1945, Gemeindearchiv Deutschkreutz. MITEINANDER, Deutschkreutzer Pfarrblatt, April 1988. Ortschronik der Gemeinde Deutschkreutz, Verfasser: Gratian Anton Leser, Deutschkreutz 1951 (Maschinschrift). Putz, Adalbert: Lebens-, Jahres- und Arbeitsbrauchtum in Deutschkreutz, Wien 1970. (phil. Diss.) Zistler, Alfred: Geschichte der Juden in Deutschkreutz. In: Gold, Hugo: Gedenkbuch der untergegangenen Judengemeinden des Burgenlandes, Tel-Aviv 1970. Aus den Sieben Gemeinden. Ein Lesebuch über Juden im Burgenland. Herausgeber: Johannes Reiss, 25 Jahre Österr. Jüdisches Museum in Eisenstadt. Wien 1997. Vertrieben. Erinnerungen burgenländischer Juden und Jüdinnen. Herausgeber: Alfred Lang, Barbara Tobler, Gert Tschögl, Mandelbaum Verlag Wien 2004. Protokolle von Gesprächen, Interviews und Korrespondenzen, geführt von Dr. Adalbert Putz, Deutschkreutz. Habres, Christof und Reis, Elisabeth: Jüdisches Burgenland, Entdeckungsreisen; Wien 2012. Magnus, Naama G.: Auf verwehten Spuren. Das jüdische Erbe im Burgenland, Teil 1, Nord- und Mittelburgenland, Wien 2013.

Das Judentum auf dem Gebiet des heutigen Burgenlandes

Ab dem 14. Jhdt. dürften Juden in vielen Gemeinden des heutigen Burgenlandes gelebt und Besitz erworben haben. Nach ihrer Vertreibung aus der Steiermark und Kärnten sowie aus Ödenburg (1496 und 1526) ließen sie sich in verschiedenen Ortschaften Westungarns nieder. Mit der Ankunft von aus Wien, Niederösterreich und Mähren ausgewiesenen Juden (im 15., 16. und 17. Jhdt.) wuchsen diese Gemeinden dann zahlenmäßig an. Die Esterhazys, welche die Besitzungen der Nadasdys 1676 übernahmen, brachten Eisenstadt, Mattersdorf, Lackenbach, Deutschkreutz, Kobersdorf, Frauenkirchen und Kittsee nach und nach in ihren Besitz. Diese sind unter dem Namen "Siebengemeinden" (Schewa Kehillot) bekannt geworden. Die Entwicklung der Judengemeinden lässt sich in zwei Perioden einteilen, von denen die erste von 1671 bis 1857 angesetzt werden kann. In dieser Zeit wuchs die Zahl der Gemeindemitglieder stetig an, bevor sie danach, etwa ab 1860, rapide abnahm, da viele Juden in die Ballungszentren Wien, Wr. Neustadt und Ödenburg abwanderten, als sie die Möglichkeit dazu hatten. 1857 bildete den Höhepunkt in der Besiedlung der westungarischen Judengemeinden; so lebten damals 1.244 Juden in Deutschkreutz, was einem Anteil von 37,8% an der Gesamtbevölkerung gleichkam. Ab etwa 1880 kam es zu einer starken Abwanderungsbewegung seitens der jüdischen Bevölkerung. Dieser Prozess verlangsamte sich in den zwanziger Jahren des 20. Jhdts., als das Gebiet an Österreich fiel. Zur Zeit der Feudalherrschaft bildeten Schutzbriefe die rechtliche Basis der jüdischen Niederlassungen, die den Gemeinden von den Adelsfamilien (z.B. den Esterhazys) ausgestellt wurden. Außer den kollektiven Schutzbriefen für Judengemeinden stellten die Adeligen auch an Einzelpersonen, die mit ihnen in geschäftlichen Verbindungen standen, Sonderprivilegien aus. Nach der Revolution von 1848 erloschen die Feudalrechte der Adeligen und somit auch die Abhängigkeit der Juden von denselben. Der Rechtsstatus der jüdischen Gemeindemitglieder wurde nun auch durch den Kaiser festgesetzt. Von 1860 an durften sich Juden in den Städten niederlassen, und 1867 wurde allen Juden der Monarchie die Emanzipation gewährt; in Österreich-Ungarn wurden daher alle gesetzlichen Restriktionen gegen Juden aufgehoben, sodass ihnen fortan auch der Erwerb von Immobilien gestattet war. Zur Zeit der österr.-ungar. Doppelmonarchie (1867-1918) wurde in Ungarn der jüdische Glaube den christlichen Konfessionen gleichgestellt, so dass die Juden in den Genuss von staatlichen Subventionen für ihre Religions- und Erziehungseinrichtungen kamen. Als Deutsch-Westungarn 1921 zu Österreich kam, wurde der Autonomiestatus der Judengemeinden anerkannt, außerdem erhielten sie auch weiterhin staatliche Unterstützung für ihre Institutionen. Nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland wurden alle Juden aus dem Burgenland ausgewiesen, womit die lange Geschichte der jüdischen Ansiedlung in diesem Gebiet ihr abruptes Ende fand.

Die Geschichte der jüdigschen Gemeinde von Zelem (Deutschkreutz)

Deutschkreutz wurde von den Juden "Zelem" (bzw. Zehlem) genannt, da der Name des Ortes das Wort "Kreuz" enthält, welches die Juden aus religiösen Gründen nicht aussprachen. Die Anfänge der Zelemer Judengemeinde gehen auf 1478 zurück, als zwei hier ansässige jüdische Handwerker bezeugt werden. Als 1526 die Juden aus Ödenburg ausgewiesen wurden, ließen sich viele von ihnen in Deutschkreutz nieder; 1560 zählte man hier allerdings nur vier jüdische Familien. Im 18. und 19. Jhdt. wuchs die jüdische Bevölkerung stark an, sodass Zelem 1857 mit 1.244 Gemeindemitgliedern die größte unter den "Siebengemeinden" war. Die Esterhazys sahen in den Juden vor allem Partner beim Wiederaufbau ihrer in den Türkenkriegen verwüsteten Besitzungen. Als im Jahre 1670 Kaiser Leopold I. die Juden aus Wien, Niederösterreich und den ungarischen Grenzgebieten ausweisen ließ, wurde den Vertriebenen trotzdem gestattet, sich in den Esterhazyschen Gebieten niederzulassen. Damals wurde auch der Grundstein für Zelem gelegt. Am 14. Sept. 1671 ließen sich in Deutschkreutz 28 jüdische Familien nieder. Damals stand der Ort allerdings noch im Besitz des Grafen Franz III. Nadasdy, der am 30. April desselben Jahres nach einer Verschwörung in Wien hingerichtet worden war. Im Jahre 1676 ging Deutschkreutz in den Besitz von Paul Esterhazy über. Die jüdische Ansiedlung wurde durch einen am 18. Februar 1699 mit der christlichen Bevölkerung ausgehandelten Vertrag geregelt. Die "Creutzer Judenschaft" hatte demnach 118 fl. (Gulden) zu zahlen. 1701 wurde ein Vertrag mit der Familie Esterhazy unterzeichnet, der den Juden den Erwerb von Häusern von Christen bestätigte sowie die zu entrichtenden Zahlungen festlegte. Michael Esterhazy stellte den Deutschkreutzer Juden am 26. März 1720 einen Schutzbrief aus, der bestätigte, dass die hiesigen Gemeindemitglieder das Ansiedlungsrecht und den Status als Schutzjuden hatten, das heißt, das Leben und der Besitz der Juden wurden vor jeglichen Übergriffen geschützt. Es sind auch Privilegien auf dem wirtschaftlichen Sektor darin enthalten; außerdem wird den Juden erlaubt, eine eigene Fleischbank und eine Brauerei zu eröffnen. Der Zuzug von Juden unterlag keiner Behinderung, und sie konnten ohne jede Einschränkung heiraten, was nicht überall selbstverständlich war. In religiösen Belangen besaß die Gemeinde vollkommene Autonomie. Die Juden durften einen Rabbiner und einen Vorbeter wählen, eine Synagoge bauen (1747) und einen Friedhof (1759) anlegen. Auch die politische Autonomie wurde ihnen zugestanden. Sie konnten, ihren Bräuchen gemäß, einen Gemeindevorsteher sowie einen Gemeindevorstand wählen. Sie erhielten sogar das Recht, eine eigene jüdische Polizei aufzustellen. Tatsächlich wird schon aus der Volkszählung des Jahres 1725 ersichtlich, dass die Judengemeinde über öffentliche Einrichtungen verfügte. An der Spitze der politischen Vertretung stand der Judenrichter oder "Iudex". Er wurde von den Gemeindemitgliedern gewählt, brauchte jedoch die Bestätigung durch den Fürsten Esterhazy. Die Gemeindeleitung rekrutierte auch Feuerwehrzüge, führte die Einwohner-, Hochzeits- und Sterbelisten, sorgte für die Erziehung der jungen Generation, die Beilegung von internen Streitigkeiten, die Krankenpflege sowie die Beisetzung der Verstorbenen. Darüber hinaus hatte sie die Aufsicht über die Synagoge, den Rabbiner, das Haus der Gemeindeversammlung und die jüdischen Fleischbänke inne. Ihr unterstanden auch die auf freiwilliger Basis gegründeten Organisationen wie die "Chevra Kadischa" (Begräbnisverein). Anlässlich des Neujahrstages, des Osterfestes und am Martini-Tag überbrachten die Judengemeinden miteinander der Fürstenfamilie und den Beamten Geschenke, und zwar gemästete Gänse, zehn Orangen und zehn Zitronen (für die damalige Zeit ein großer Luxus); 1749 brachte Zelem dafür eine Summe von 40 fl. auf. Als 1731 Paul Anton Esterhazy die Herrschaft übernahm, kam es zu ernsten Problemen. Seine feindselige Haltung gegenüber den Juden machte sich auch bei seiner Beamtenschaft bemerkbar. Der Verband der "Siebengemeinden" wandte sich mit einer Beschwerde sogar an Kaiser Karl VI., der die esterhazysche Verwaltung aufforderte, die in den Schutzbriefen genannten Paragraphen strikte einzuhalten. In der Anfangsphase der Deutschkreutzer Judengemeinde wuchs die Bevölkerung von 28 Familien im Jahre 1672 auf 47 im Jahre 1725, 54 im Jahre 1735 und 70 im Jahre 1749. Die ersten ansässigen Juden gehörten der oberen Vermögensklasse an. Zur kaufmännischen Oberschicht zählten auch die Viehhändler. Aus dem Kontakt mit Viehhändlern und Fleischhauern resultierte der Handel mit Häuten und Leder. Die Juden waren auch Weinhändler. Der Weinhandel hatte die Form von Kreditgeschäften: Die Weinbauern bekamen eine Vorauszahlung in Form eines Darlehens mit Zinsen, das bei der nächsten Weinlese zurückzuzahlen war. Dem kaufmännischen Mittelstand gehörten Tuch- und Stoffhändler an. Deutschkreutz gewann als Handelszentrum an Bedeutung, als Ödenburg wegen seiner hohen Schulden das Recht verlor, Markttage abzuhalten (Anfang des 18. Jhdts.). Ab dieser Zeit bis vor dem Zweiten Weltkrieg gab es in Deutschkreutz zweimal wöchentlich einen Obst- und Gemüsemarkt, der auch Juden die Möglichkeit bot, sich wirtschaftlich zu betätigen. Bemerkenswert ist auch die Tatsache, dass Deutschkreutzer Juden in den nahegelegenen Städten Wien, Wr. Neustadt, Pressburg und Ödenburg erfolgreich Handel treiben konnten. Mit Ödenburg gab es einen diesbezüglichen Vertrag, der eine jährliche kollektive Zahlung der Juden vorsah. Die Ausübung eines Handwerkes unterlag in Deutschkreutz keinerlei Beschränkungen. Der Lebensstandard der Zelemer Juden kann als ansehnlich angesehen werden, wobei die Armen der Judengemeinde von den Wohlhabenden in vielerlei Hinsicht unterstützt wurden. Immerhin konnte sich fast die Hälfte aller jüdischen Haushalte Dienstpersonal leisten, das allerdings nicht aus Deutschkreutz stammte; die "Schicksen" kamen aus Nikitsch und anderen kroatischen Orten, aus Neckenmarkt, Rattersdorf und dgl. Als ein weiterer Indikator für Wohlstand galt das Halten von Pferden, die für Handelsreisen benötigt wurden. Während der Regierungszeit Maria Theresias wurde allen Juden des Reiches eine sogenannte "Toleranztaxe" auferlegt (1749), nämlich 2 fl. pro Kopf, was die Gemeindemitglieder doch schwer belastete. Während der Herrschaft von Nikolaus Esterhazy (1762 - 1790) verdoppelte sich die Zahl der jüdischen Gemeindemitglieder von 268 im Jahre 1768 auf 535 im Jahre 1785. Diese friedliche Entwicklung wurde allerdings von einer Reihe von Katastrophen unterbrochen. Am 17. April 1762 vernichtete ein Großbrand 40 Judenhäuser, im Jahre 1777 brannten mit Ausnahme der Synagoge, des Gemeindehauses, des Armenhauses bzw. Spitals und zweier Privathäuser 62 Judenhäuser nieder. Diesem Brand fielen leider auch sämtliche Dokumente aus der Gründerzeit der Judengemeinde zum Opfer. Am 2. April 1798 gingen das Krankenhaus und 32 Häuser in Flammen auf; damals sprang auch die Judenschaft von Wien mit einer Spendenaktion helfend ein. Im Jahre 1818 traten für die Juden Heiratsbeschränkungen in Kraft. Um eine Heiratsbewilligung zu erhalten, musste das junge Paar über eine Eigentums- oder Mietwohnung auf Lebenszeit verfügen. 1834 wurde eine neue, größere Synagoge errichtet; in diesem Jahr übersiedelte Carl Goldmarks Familie von Keszthely am Plattensee nach Deutschkreutz, da Vater Rubin Goldmark hier eine Anstellung als Kantor und Notär gefunden hatte. Zwischen der 1848er Revolution und dem Ausgleich von 1867 verringerten sich die gesetzlichen Beschränkungen für Juden. Die Abhängigkeit der Judengemeinde von der Familie Esterhazy fand ihr Ende, damit aber auch ihre politische Autonomie. Statt dessen hatten zwei jüdische Vertreter in der Gemeindeverwaltung von Deutschkreutz zu sitzen. Damals erreichte die Zahl der Juden in Deutschkreutz ihren Höchststand, nämlich 1.244 Mitglieder (1857). Mit der Möglichkeit der freien Niederlassung in den Städten (Ödenburg, Wr. Neustadt, Baden, Wien) sank diese Zahl rapide ab; bereits 1880 lebten in Deutschkreutz nur mehr 476 Juden. Die Gemeindestatuten regelten das Zusammenleben in Zelem. An der Spitze der Gemeinde stand der Gemeindevorsteher, der eine Reihe von Rechten hatte und großes Ansehen genoss. Nach der Wahl eines neuen Gemeindevorstehers war es üblich, dass der alte ihn in Begleitung von fünf neu gewählten Vorstandsmitgliedern dem Grundherrn vorstellte, um die Wahl bestätigen zu lassen. Bei Entscheidungsprozessen in Bezug auf gemeindeinterne Angelegenheiten waren verschiedene Gremien involviert. Als "Reiche" galten Personen, die zehn und mehr Gulden Toleranztaxe entrichteten. Wer vier bis zehn Gulden zahlte, war ein sogenannter "Mittlerer", und wer nur ein bis vier Gulden zu entrichten hatte, galt als minderbemittelt. Jemand, der noch weniger zahlte, hatte weder das aktive noch das passive Wahlrecht. Die Judengemeinde musste sich auch vor illegaler Zuwanderung schützen. Daher galt das Wohnrecht in der Gemeinde als ein wertvolles Privileg und der Verlust desselben als eine der schwersten Strafen, die einem Gemeindemitglied auferlegt werden konnte. Auf dem sozialen Sektor arbeitete man bei der Verteilung von Lebensmitteln an Bedürftige vor dem Pessach eng zusammen; zweimal im Jahr wurden sogar finanzielle Zuwendungen an die Armen verteilt. Die Erziehung der jungen Generation galt in jeder Judengemeinde als eines ihrer Hauptanliegen. Daher wurde von der Gemeinde auch ein Fonds für die Zelemer Talmud-Torah-Schule (Jeschiva) gespeist. Der Rabbiner und Vorsitzende des Rabbinatsgerichts war gleichzeitig auch Leiter einer Jeschiva. Diese wurde von der Judengemeinde unterhalten, und war deshalb auch in das Gemeindeleben integriert. Die Zahl der Studenten lag meist bei 30 - 40; unter dem besonders angesehenen Rabbiner R. Menachem Katz-Proßnitz (1840-1891) lernten mehr als hundert Schüler aus verschiedenen europäischen Gebieten hier in Zelem. Als Folge eines kaiserlichen Erlasses im Toleranzedikt vom 31. März 1783, der die jüdischen Gemeinden zur Errichtung von "Deutschen Schulen" verpflichtete, wurde in Deutschkreutz eine Grundschule eingerichtet. Die Unterrichtsfächer waren Latein, Deutsch, Rechnen, Rechtschreibung und das Verfassen von Aufsätzen. Ein Erlass der Komitatsverwaltung vom 6. Sept.1834 wies die jüdischen Gemeinden von Mattersburg, Kobersdorf, Lackenbach und Eisenstadt an, nach dem Beispiel der "Kreuzer" ebenfalls öffentliche Schulen einzurichten. Im Jahre 1854 wurden in der Zelemer Grundschule bereits 160 Schüler in drei Klassen unterrichtet, wobei er Lehrplan auch Religionsstunden und das Übersetzen von Gebeten aus dem Hebräischen ins Deutsche umfasste. Die Abschaffung des Feudalsystems nach der Revolution von 1848 machte schließlich die besondere Organisation der "Siebengemeinden" überflüssig; diese gliederten sich fortan in die Aktivitäten der gesamten Judenheit ein, die von Pest aus geleitet wurden. Zur Zeit der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie erklärte die Verfassung von 1867 das jüdische Individuum zum gleichberechtigten Bürger, verlangte aber auch von den Juden die völlige Eingliederung in Gesellschaft und Staat. Getreu dem Bestreben, mittels sprachlicher Assimilation die nationale Einheit Ungarns zu erreichen, erklärte 1879 die ungarische Regierung das Ungarische an den Grundschulen zur "Pflichtsprache"; der Unterricht in der Muttersprache der Schüler wurde verboten (1907). Manche Gemeindemitglieder magyarisierten in dieser Zeit ihre Namen, z.B. von "Dux" zu "Doczy" oder von "Grünbaum" zu "Gergely". Wiener Juden, die an der orthodoxen Tradition interessiert waren, unterhielten Kontakte zu hiesigen Judengemeinden. Daher waren viele Juden aus Wien und anderen Teilen der Monarchie in Zelem als "Auswärtige" eingetragen. Sie schickten ihre Kinder hierher in die Grundschule und in die Jeschiva und ließen sich nach ihrem Tod auf dem Deutschkreutzer Judenfriedhof begraben. Der Erste Weltkrieg (1914-1918) verursachte in Österreich-Ungarn unendliches Leid und schwere wirtschaftliche Rückschläge. Unter den zahlreichen Deutschkreutzer Gefallenen waren auch 18 Männer der jüdischen Gemeinde. In den Nachkriegsjahren, bis zum Anschluss des Burgenlandes an Österreich (1921), hatten auch die hier ansässigen jüdischen Gewerbetreibenden schwer unter den Überfällen der ungarischen Freischärler zu leiden. Das veranschaulichen die zahlreichen Schadenersatzansprüche, die von Zelemer Juden eingebracht wurden. Dabei geht es um große Mengen entwendeter Handelswaren, um fünf abgenommene Pferde, um Verdienstentgang für den Sekretär Israel Franz, der sieben Wochen lang in Oberpullendorf eingekerkert war, aber auch um von der hiesigen Kultusgemeinde erpresstes "Lösegeld für den Pogromm", wie es Viktor Glück, der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde, formulierte. Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Österreich nur noch 33 jüdische Gemeinden; in Wien lebten mehr als 90% aller Juden der Republik, die restlichen 10% verteilten sich auf die übrigen Gemeinden. Im Mai des Jahres 1922 kam es zur Gründung des "Verbandes der autonomen orthodoxen isrealitischen Kultusgemeinden des Burgenlandes". Diese Vereinigung konnte erreichen, dass sich die österreichische Regierung am Erziehungs- und Rabbinatsbudget beteiligte. Außerdem durften die jüdischen Schulen am Samstag geschlossen bleiben. Diese Regelungen galten allerdings nur für die burgenländischen Judengemeinden. In der schwierigen Zwischenkriegszeit veränderte sich die Zahl der Juden in Deutschkreutz nur unbedeutend; laut Volkszählung des Jahres 1923 bildete Zelem die größte bgld. Judengemeinde (435 Mitglieder). Die jüdischen Geschäfte waren für die bäuerliche Bevölkerung der Umgebung das Handelszentrum, wo sie alle ihre Einkäufe tätigen konnten. Jüdische Händler vertrieben landwirtschaftliche Produkte wie Getreide und Wein der hiesigen Bauern. Die Familie Schlesinger pachtete von den Esterhazys Grund und beschäftigte darauf Landarbeiter. Bei der Weinlese halfen sogar die Jeschivastudenten, die in dieser Zeit Ferien hatten. Einige Juden besaßen Felder und Weingärten. Es gab sogar Leichtindustrie, z.B. die Hanffabrik der Familie Goldschmidt, die eine Zeitlang auch Pächterin der Rudolsquelle war, oder den Weinkeller der Fam. Spiegel, wo koschere Weine produziert und in den "Siebengemeinden", Wr.Neustadt und Wien verkauft wurden. Der Fam. Bruckner gehörte eine Sauerteig- und Spirituosenproduktion. Drei jüdische Ärzte, Dr. Kohen, Dr. Steiner und Dr. Weiß waren für die medizinische Betreuung der gesamten Bevölkerung zuständig. Es gab einige sehr wohlhabende jüdische Familien, die den ärmeren Gemeindemitgliedern unter die Arme griffen. Der Rabbiner genoss in der Gemeinde großes Ansehen. Trat ein neuer Rabbiner sein Amt an, wurde ihm ein festlicher Empfang bereitet: Die Hauptstraße ("Judengasse") wurde mit Blumen geschmückt, eine Musikkapelle spielte auf, und ein Konfettiregen unterstrich die Besonderheit des Anlasses. Im Zentrum des jüdischen Gemeindelebens stand die zweistöckige Synagoge, die vor allem am Schabbat zu den verschiedenen gottesdienstlichen Feiern eifrig besucht wurde. Die Zelemer Jeschiva war eine weitere wichtige Institution der Gemeinde. Neben der "Talmud-Schule" befand sich die "Tiferet Bachurim"-Synagoge, in der die Jugend der Gemeinde betete und von den Jeschivastudenten Torahvorträge gehalten wurden. Die Jeschiva war wegen ihres hohen Niveaus hoch angesehen und folglich ein Anziehungspunkt für junge Männer aus den Nachbarländern. Die Studenten übernachteten in den Häusern von Gemeindemitgliedern, nahmen jedoch ihre Mahlzeiten, die von jüdischen Frauen auf freiwilliger Basis zubereitet wurden, in der eigens für sie eingerichteten Mensa ein. Hinsichtlich der Besonderheit des sehr orthodoxen Alltagslebens der Zelemer Juden fallen folgende Züge ins Gewicht: eine Identifizierung mit den traditionellen Werten der Gemeinde, das Bemühen, diese Werte an die jüngere Generation weiterzugeben, Widerstand gegen Mischehen, eine tiefe Verwurzelung in der jüdischen sowie der allgemeinen Kultur und ein besonderes Verhältnis zur christlichen Mitbevölkerung - einerseits gesellschaftliche Abgrenzung und andererseits Zusammenarbeit auf persönlicher und munizipialer Ebene. In dieser Deutschkreutzer Dorfgemeinschaft von Juden und Christen beeinflussten sich die beiden Bevölkerungsgruppen andauernd gegenseitig mehr oder minder spürbar, was sich sogar in der Ortsmundart durch die vielen Wörter aus dem Jiddischen bis heute manifestiert. In konfessioneller Hinsicht kam man trotz der großen Unterschiede gut miteinander aus. Das Verhältnis zwischen dem kath. Ortspfarrer und dem Rabbiner war von gegenseitiger Achtung und Wertschätzung geprägt. Wenn der Bischof in Deutschkreutz zur Visitation war, empfing er im Salon des Pfarrhofes den Rabbiner und zwei Vertreter der jüdischen Gemeinde zum Gedankenaustausch. Zu solchen Anlässen richteten auch die Juden ihre Häuser in der Hauptstraße festlich her. So manche jüdische Familie war mit christlichen Ortsbewohnern sehr gut befreundet; diese wurden von ihnen, anlässlich jüdischer Feste, mit "Mazzes" und anderen Bäckereien beschenkt. Immer wieder ist die Rede von gegenseitiger Hilfsbereitschaft. Man nahm als Zuschauer gerne Anteil am Brauchtum der jeweils anderen Seite, z.B. bei Hochzeiten oder Begräbnissen. Freilich gab es auch Misstrauen und Spannungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen, hervorgerufen durch die unübersehbaren Unterschiede im Alltagsleben, in der Religionsausübung und in Sitte und Brauch. Vieles davon verstand man beim Anderen nicht, und Nicht-Verstehen ruft oft Kopfschütteln und Misstrauen hervor, was sich sogar zu Abneigung und Hass steigern kann, vor allem wenn jemand mit einzelnen von der anderen Seite schlechte Erfahrungen gemacht hat. Schulden, die christliche Ortsbewohner vielfach bei jüdischen Geschäftsleuten hatten, erzeugten ein unangenehmes Gefühl der Abhängigkeit, was auch zu negativen Emotionen führte. Es fällt auf, dass es überhaupt keine Mischehen gab. Im Großen und Ganzen kamen die Deutschkreutzer jüdischer und christlicher Prägung zweieinhalb Jahrhunderte lang gut miteinander aus. Und trotzdem wurde Zelem im Jahre 1938 für immer ausgelöscht. Mit dem Einmarsch Nazi-Deutschlands in Österreich am 12. März 1938 begann für die Judengemeinde von Deutschkreutz, die damals noch 430 Mitglieder zählte, das letzte und traurigste Kapitel ihrer Geschichte. Unmittelbar danach setzten nämlich auch hier die judenfeindlichen Übergriffe ein. Die Häuser der Juden wurden mit Steinen beworfen, angesehene Gemeindemitglieder wurden verhaftet und in Oberpullendorf eingesperrt, und schließlich fanden sich zahlreiche "christliche" Ortsbewohner, die ihre jüdischen Mitbürger demütigten, misshandelten, ihnen Wertgegenstände von den Fingern rissen und plündernd über die Judengeschäfte herfielen, wo sie zu allererst nach den Schuldenbüchern suchten, die es zu vernichten galt. Der jüdische Besitz wurde beschlagnahmt und "arisiert". Den Deutschkreutzer Juden wurde zu verstehen gegeben, dass sie innerhalb von zwei Wochen zu verschwinden hätten. Anfang Mai hatten alle von ihnen ihren Heimatort Richtung Wien verlassen; manche waren mit Lkws weggebracht worden. Der letzte, der von hier wegging, war der Lehrer David Weiner, den die Nazi-Behörden gezwungen hatten, bis zum Erhalt eines Befehls von der Gestapo in Deutschkreutz zu bleiben. Lazar Spiegel, ein auffallend vornehm gekleideter Zelemer Jude, der am Schabbat immer eine gestreifte Hose, einen Gehrock und einen Spazierstock trug, sagte knapp vor seiner Abreise zu einer ihm gut bekannten Deutschkreutzer Frau: "Ich wünsche Ihnen und Ihren Kindern alles Gute, und ich wünsche Ihnen, es soll Ihnen nicht so ergehen wie uns." Bereits im Oktober 1938 gab es im Burgenland keine Judengemeinden mehr. Nach den bitteren Enttäuschungen bei ihrer Vertreibung standen den ehemaligen Deutschkreutzer Juden unbeschreiblich traumatische Erlebnisse bevor, bis hin zur Vernichtung in Konzentrationslagern durch das satanische Regime. Neben den 81 nachweislich in einem KZ Ermordeten und den 154 Ausgewanderten weiß man von vielen von ihnen bis heute nicht, wo sie geblieben sind. Im Rückblick auf den März 1938 quälen überlebende Zelemer noch immer zwei Fragen: "Warum gab es diese Rohheit und Brutalität?" und "Wo waren damals die Freunde von vorher?" Bald nach der Vertreibung der Juden begann hier die Zerstörung ihres Eigentums und ihrer Kultstätten. Im jüdischen Viertel blieb kein Stein auf dem anderen, denn die regimetreue Gemeindeführung war zuvorderst daran interessiert, alles Jüdische aus dem Ortsbild von Deutschkreutz verschwinden zu lassen. Nicht umsonst sprach der Bürgermeister, im Rahmen einer Sitzung des Gemeindetages (1941), von einem "Gepräge der Unordnung, das das ehemalige Ghetto unserer Gemeinde aufdrückt." Am Sonntag, dem 16. Feber 1941, wurde von den Nazis die Synagoge in die Luft gesprengt. Der massive Bau wurde mit 140 Sprenglöchern, dem Doppelten des Erlaubten, geladen, sodass der ganze Tempel hoch in die Luft geschleudert wurde, ehe er im Schutt dalag. Von einem durch die Luft geschleuderten Ziegelbruchstück wurde eine 17-jährige Zuschauerin tödlich getroffen. Nach dem Krieg wurde der Synagogenplatz zunächst eingezäunt und mit einem Gedenkstein versehen, dann allerdings von der Israelit. Kultusgemeinde in Wien an den KONSUM verkauft. Der darauf errichtete Supermarkt existiert mittlerweile auch nicht mehr. Ein ganz besonders wertvolles Erinnerungsstück an den Deutschkreutzer Tempel ist bis heute erhalten geblieben, nämlich der Thoravorhang. Dieses schwere, wunderbar gearbeitete Stück wurde zunächst nach Wien gebracht, gelangte nach dem Krieg nach Salzburg, wo er in der dortigen Stadtsynagoge Verwendung fand. Schließlich beanspruchten ihn die seinerzeitigen Stifter, zwei Zelemer Familien, für sich und brachten ihn nach Jerusalem. Im Zuge der großen historischen Ausstellung, anlässlich der 750-Feiern der Gemeinde Deutschkreutz, im Jahre 1995 kehrte der wunderschöne Thoravorhang für ein paar Wochen noch einmal hierher zurück, was nur auf Vermittlung von Herrn Shalom Fried möglich war. Seine Mutter stammt nämlich aus Deutschkreutz. Ganz besonders schmerzte die überlebenden Zelemer Juden die Verwüstung ihres Friedhofes. Gegen Kriegsende wurden die meisten Grabsteine verschleppt, hauptsächlich zur Befestigung des Ostwalls, der in dieser Gegend geschanzt wurde. Mittlerweile wurden 38 Grabsteine, die auf dem Wiener Zentralfriedhof zwischengelagert gewesen waren, wieder aufgestellt. Zahlreiche Bruchstücke, gefunden im Nikitscher Schlossgarten, brachte man mosaikartig an der westlichen Friedhofsmauer an. Die große, im Judenfriedhof flach liegende Gedenktafel erinnert an eine zweite jüdische Tragödie auf Deutschkreutzer Boden. Es geht um das Massengrab, in dem im Jahre 1944 die 284 Budapester Juden verscharrt wurden, die innerhalb von fünf Wochen in ihrer Unterkunft auf dem Areal des Schlosses Deutschkreutz an Erschöpfung und diversen Krankheiten gestorben waren. Die Nazis hatten sie zum Schanzen des sinnlosen Ostwalls hierher verschleppt. Unter ihnen war der renommierte Budapester Baumeister Marcel Komor (1868-1944). Von den überlebenden Deutschkreutzer Juden hat sich keiner mehr hier niedergelassen. Die Vorgänge rund um unsere ehemaligen jüdischen Mitbewohner im Jahre 1938 und danach sind für uns leider noch völlig unbewältigte Geschichte, aus der wir aber lernen müssen, damit das unsägliche Leid vieler nicht umsonst gewesen ist. Ein entscheidender Schritt dazu wurde durch die Errichtung eines Denkmals in Erinnerung an die Judengemeinde von Zelem gesetzt. Auf Grund der besonders engagierten Initiative von Kommerzialrat Michael Feyer aus Wien konnte am 3.Juli 2012 dieses eindrucksvolle Mahnmal mitten in der ehemaligen "Judengasse" (Hauptstraße) enthüllt werden.

Dr. Adalbert Putz